Berlin - Es sind Szenen wie aus einem Hollywoodthriller. Der Berliner Südwesten ist von der Stromversorgung abgeschnitten. Vermutlich ein Brandanschlag auf eine Stromtrasse am Teltowkanal. Täter: noch unbekannt. Das Motiv: noch unbekannt. Das Landeskriminalamt ermittelt. Noch bis Donnerstag müssen sich bis zu 45 000 Berliner Haushalte auf ein Leben ohne Strom einstellen. Der Strom ist weg. Das klingt erst einmal simpel. Ist es aber nicht. Es ist ein Fanal der Verletzlichkeit moderner Gesellschaften. Ob in den Villenvororten der Hauptstadt, Heimat vieler wichtiger Akteure des politischen Berliner Betriebs, oder den Hochhäusern entlang der Einfahrtstraßen nach Berlin - alle Fenster sind dunkel am ersten Abend des Stromausfalls. Keine Ampel, kein Licht, Restaurants, Kioske, Tankstellen und Supermärkte sind verschlossen. Das einzige Licht spendet hier und da eine von Weihnachten übriggebliebene, batteriebetriebene Lichterkette. Die neue Nachricht sorgt für hektische Betriebsamkeit. Viele Autos werden beladen, man sucht Unterschlupf bei Verwandten oder Freunden, einige gar im Hotel. Andere Betroffene, gerade wegen der am Sonntag endenden Berliner Schulferien auf dem Rückweg, legen unterwegs noch einen Stopp ein. Als sich die Dunkelheit dann am späten Nachmittag über den Südwesten senkt, sind jedenfalls viele Carports und Parkplätze verwaist. Viele gehen auch früh am Morgen auf die Straße. Nicht nur wie sonst an einem Samstag gegen halb sieben die Hundebesitzer. Man tauscht sich aus: Alle wissen nichts. Denn das Internet funktioniert nicht, die Handys haben kein Netz. Kaum einer hat noch ein Kofferradio. Erst die Fahrt mit dem Auto bringt nach einigen Kilometern Gewissheit aus dem wieder erreichbaren Internet und dem Autoradio: «Großflächiger Stromausfall in Berlin.» In den Supermärkten brennt irgendwann am Nachmittag wieder Licht. Herbeigerufenes Personal muss versuchen zu retten, was in den Kühltruhen noch zu retten ist. Der Schaden dürfte erheblich sein. Dann ziehen Feuerwehr und Polizei für weitere Hilfseinsätze Krankentransporter auf der Straße Unter den Eichen zusammen. Dadurch kommt der Verkehr in Zehlendorf-Mitte zum Erliegen. Während die einen den heimischen Kühlschrank abtauen, um größeren Schaden zu vermeiden, starten andere längst auch Hamsterkäufe. Beim Woolworth am Teltower Damm etwa sind Batterien, batteriebetriebene Lampen und Kerzen gefragt, der Vorrat geht zur Neige, weiß die Kassiererin zu berichten. Auch Bäcker, Feinkostläden und Apotheken machen gute Geschäfte. So erinnert die Szenerie manchmal auch an Momente der Corona-Lockdowns. Nur kann man diesmal der Gefahr entkommen, indem man zehn Kilometer weiter fährt, wenn man es kann. Schließlich senkt sich die erste Nacht über die Stromausfall-Stadtteile. Viele der Bewohner sind fort, andere mangels Alternativen oder Sorge um den Besitz aber auch daheim geblieben. Sechs Tage lang kein Strom bedeutet schließlich auch sechs Tage lang keine Alarmanlagen, keine Außenbeleuchtung. Es wächst die Furcht vor Einbrüchen, die in dieser Gegend in der dunklen Jahreszeit ohnehin häufig vorkommen. Und so sieht man beim nächtlichen Spaziergang hinter manchen Fenstern Kerzen leuchten wie an Weihnachten. Doch zum Feiern ist niemand zumute. Alle wissen: Die Nervenprobe Leben ohne Strom hat erst begonnen.Keine Ampel, kein Licht, geschlossene Läden
Das dichte Schneetreiben sorgt in den Vierteln Wannsee, Nikolassee, Schlachtensee, in Teilen Zehlendorfs und Lichterfeldes für eine noch unheimlichere Atmosphäre. Die Polizei fährt mit Lautsprecherwagen durch die menschenleeren Straßen, bietet Hilfe für Pflegebedürftige und Kranke an und fordert zur Vorsicht auf. Die Beamten verkünden im Gespräch immer wieder auch, was im Laufe des Tages die Bevölkerung nur langsam erreicht: Die Stromversorgung dürfte erst am Donnerstag der Folgewoche wieder hergestellt sein. Am Samstagmittag war zunächst noch vom Abend des selben Tages die Rede gewesen.Viele Carports und Parkplätze sind verwaist
Spätestens in diesem Moment endet auch die Zwischenphase heiteren oder wenigstens etwas prickelnden Erstaunens über das vermeintliche Abenteuer. Als der Berliner Südwesten am Samstag erwacht, glauben jedenfalls viele erst einmal an einen Stromausfall im eigenen Haushalt. Ärgerlich, aber meist leicht zu beheben. Vielleicht ist die Lichterkette draußen durchgebrannt? Sicherungskästen werden geprüft, Schalter umgelegt. Der Blick aus dem Fenster belehrt die Menschen dann eines Besseren - der Stromausfall ist flächendeckend. Dort leuchtet nicht der vertraute Herrnhuter Stern der Nachbarn, hier fehlt das regelmäßige Bild des frühaufstehenden Nachbarn, der immer schon in der Küche werkelt.Erst die Fahrt mit dem Auto bringt nach einigen Kilometern Gewissheit
Das ganze Ausmaß wird aber erst im Laufe der Stunden offensichtlich. Pflegeheim- und Krankenhausbetreiber beginnen, ihre Heime zu evakuieren. Andere Heimplätze müssen gesucht werden. Feuerwehrleute tragen Kranke und Gebrechliche die Treppen herunter. Auch die Aufzüge haben schließlich keinen Strom.
Aufgrund seiner Bevölkerungsstruktur verfügt Steglitz-Zehlendorf über ein breites Angebot an Pflegeeinrichtungen. Fast an jeder größeren Straße gibt es Seniorenresidenzen und Privatkliniken. Mit seinen rund 300 000 Einwohnern hatte Steglitz-Zehlendorf Ende 2024 einen Altersschnitt von 46,5 Jahren gegenüber 42,8 Jahren in Berlin.Szenerie erinnert manchmal an Momente der Corona-Lockdowns
Bildnachweis: © Michael Kappeler/dpa
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Ein Leben im Berliner Dunkel
Ein Stromausfall legt Teile Berlins lahm. Wie lebt es sich ohne Strom, Handy, Informationen? Ein Erfahrungsbericht.
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