10. Mai 2026 / Aus aller Welt

Fernglas statt Handy: Warum die Gen Z jetzt Birden geht

Zehn Jugendliche treffen sich an einem Sonntagnachmittag. 3,5 Stunden lang wird fast niemand aufs Handy schauen. Sie beobachten Vögel. Wie Teenager ein Hobby mit Alt-Herren-Image für sich erobern.

Ohne Fernglas geht beim Birden nichts.
Veröffentlicht am 10. Mai 2026 um 10:40 Uhr von Mia Bucher, dpa

Ist das ein Rotmilan? Dahinten fliegt ein Reiher! Hörst du den Gesang der Grauammer? Für die meisten Jugendlichen sind das eher ungewöhnliche Sätze. Für die zehn jungen Leute, die an einem Sonntagabend auf dem ehemaligen Gelände des Flughafens Tegel in Berlin stehen und mit Ferngläsern in die Luft gucken, nicht. Sie sind zwischen 12 und 26 Jahren alt - und sie sind Vogel-Vollprofis. 

«Seit ich im Young Birders Club bin, gehe ich ungefähr jedes Wochenende raus», sagt Ole, 12 Jahre alt. Birding heißt so viel wie Vogelbeobachtung, klingt aber ein bisschen cooler. Deutschlandweit hat der Nabu etwa fünf dieser Gruppen. In Berlin ist Ole der Jüngste. «Meine Freunde finden mich auch ein bisschen verrückt, weil ich recht früh aufstehe.» 

Ole und die anderen Jugendliche räumen mit einem weit verbreiteten Klischee auf: Dass Vogelbeobachten etwas für alte Männer in Trekking-Outfits sei. Auf Instagram und YouTube gibt es immer mehr junge Influencer, die ihre Beobachtungen teilen und über Vögel aufklären. Über Apps vernetzt sich die Szene miteinander, teilt ungewöhnliche Sichtungen, organisiert Treffen. 

Laut einer Studie aus Großbritannien, über die die britische Zeitung «Guardian» berichtet hat, ist Vogelbeobachtung nach dem Schmuckbasteln das am zweitschnellsten wachsende Hobby der Generation Z. Fast 750.000 Angehörige dieser Generation der zwischen 1995 und 2010 Geborenen in Großbritannien beobachten demnach regelmäßig Vögel.

Immer mehr Frauen finden Gefallen an dem Hobby

Vergleichbare Zahlen gibt es für Deutschland nicht, aber: «Auf jeden Fall sinkt das Alter», sagt Christopher König vom Dachverband Deutscher Avifaunisten. «Lange Zeit hatte das Hobby den Ruf, dass das nur alte Männer in komischen Klamotten machen.» Doch inzwischen gebe es immer mehr junge Vogel-Enthusiasten. «Auch der Frauenanteil nimmt zu über die Jahre.» 

Auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel holt Cora ihr Spektiv raus. Die 18-Jährige geht in der Regel mindestens einmal in der Woche Birden, inklusive Kamera, Fernglas und Audiorekorder für Vogelstimmen. Auf ihrem Handy hat sie ein PDF eines sehr detaillierten Handbuchs für europäische Vögel - leider nur auf Holländisch. 

«Ich habe mich generell schon viel für Natur interessiert. Dann habe ich irgendwann ein Fernglas geschenkt bekommen. Dann war Corona und ganz ganz viel Zeit, um draußen zu sein», erzählt Cora. Wenn man die Jugendlichen fragt, wie sie zum Birden kamen, fällt häufig das Stichwort Corona. Auch die 18-jährige Charlotte ist während der Pandemie aus Langeweile mehr rausgegangen und entdeckte so ihre Begeisterung für Natur und Vögel. «Mir macht es Spaß, weil es ein Weg ist, draußen zu sein.» Für sie sei es auch ein guter Ausgleich zum Smartphone. 

Es ist auffällig, dass die jungen Birder während der dreieinhalbstündigen Exkursion fast gar nicht aufs Handy schauen. Die Unterhaltungen werden höchstens von begeisterten Ausrufen und einem in die Höhe schnellenden Finger unterbrochen, wenn jemand einen Vogel entdeckt. 

Manchmal folgt beim näheren Hinsehen Ernüchterung: «Ah, das ist eine Taube.» Doch es sind auch einige Highlights dabei. «Stopp, eine Weihe!», ruft Gruppenleiter Manuel Tacke einmal plötzlich. Lauter Ferngläser richten sich zum Himmel. Teilnehmer Theo hat eine Kamera mit riesigem Objektiv und versucht den Vogel wie ein Paparazzo aufs Bild zu kriegen. Später stellt sich heraus, dass das am Himmel eine Wiesenweihe war, ein sehr seltener Brutvogel, der so gut wie nie in Berlin gesichtet wird.

Der Reiz des Analogen zählt zu den Gründen, warum das Hobby gerade bei jungen Menschen Anklang findet. In einer stressigen Welt tue es einfach gut, in der Natur zu sein, sagt Laura Muschiol, Co-Leiterin des Young Birders Clubs. «In der aktuellen Weltlage ist es, glaube ich, total wohltuend, zu sehen, dass bestimmte Sachen immer wieder kommen. Der Vogel, den ich bei mir im Park habe, der ist auch dieses Jahr wieder da, egal, was in den Nachrichten gerade abgeht. Und das ist auch ein bisschen was Tröstendes, glaube ich», sagt die 33-Jährige. Die Jugendlichen träfen sich auch abseits der Touren und beteiligten sich an deutschlandweiten Monitoring-Programmen. 

Viele nutzen dafür die Plattform ornitho.de, die vom Dachverband Deutscher Avifaunisten betrieben wird. Auch Hobby-Ornithologinnen und Ornithologen können sich dort registrieren und ihre eigenen Beobachtungen eintragen, wenn möglich, mit Foto und Tonaufnahme. Unterwegs geht das über die App Naturalist. 500 sogenannte Regionalkoordinatoren sichten die eingehenden Beobachtungen und überprüfen sie auf ihre Plausibilität.

Tausende Vogel-Meldung pro Tag

«Wir sind begeistert, wie hoch der Zuspruch ist», sagt König. Allein vergangenes Jahr hätten sich 6.000 Menschen neu bei Ornitho registriert. «Das ist ein neuer Rekord.» Bei gutem Wetter würden pro Tag teilweise mehr als 100.000 Meldungen eingehen. «Wir merken in den letzten Jahren auf jeden Fall einen Zustrom.» In der Pandemie ging es so richtig los. Die Begeisterung für Vögel hielt auch danach an. 

Für die Wissenschaft ist das ein Gewinn, sagt König. Zusätzlich zu offiziellen Zählungen helfen die Daten von Hobby-Ornithologen, Bestandsveränderungen zu bemerken, wie der Biogeograph erklärt. Vor allem Vögeln der Agrarlandschaften gehe es in Deutschland schlecht. «Da haben wir Arten, die sehr, sehr stark zurückgegangen sind.» Beispiele seien das Rebhuhn, die Feldlerche oder der Kiebitz. 

Die jungen Hobby-Ornithologinnen und -Ornithologen aus Berlin haben bis zum Ende ihres Ausflugs zwei Kiebitze entdeckt. Auch sonst ist ihre Liste beeindruckend: 45 verschiedene Vogelarten stehen darauf, darunter 7 Mauersegler, 150 Nebelkrähen, 5 Braunkehlchen - eine stark gefährdete Art -, 6 Steinschmätzer, 2 Schwarzmilane und ein Girlitz. Selbstverständlich haben sie alle Beobachtungen online gemeldet.


Bildnachweis: © Fabian Sommer/dpa
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