5. Juli 2023 / Aus aller Welt

Komischer Vogel: Warum Neuseeland seine Kiwis so liebt

Beim Wort Kiwi denken die meisten an Obst. In Neuseeland aber ist der Kiwi auch ein Vogel. Er erfreut sich großer Beliebtheit und ist zu einem kuriosen Namensgeber geworden.

Kiwis sind die kleinsten Laufvögel der Welt und kommen nur in Neuseeland vor.
von Rebekah Lyell und Carola Frentzen, dpa

Der Kiwi ist wahrlich ein komischer Vogel. Er kann nicht fliegen, hat ziemlich schlechte Augen und seine Nasenlöcher sind chronisch verstopft. Zudem riecht er muffig.

Trotz oder gerade wegen seiner vielen Eigenheiten haben die Neuseeländer den Sonderling wie kaum eine andere Kreatur in ihre Herzen geschlossen - und feiern ihn als Nationalvogel, der unter anderem Ein-Dollar-Münzen, Logos und Bücher ziert. Kiwis (wissenschaftlich: Apteryx) sind die kleinsten Laufvögel der Welt und kommen nur in Neuseeland vor. Laut Naturschutzbehörde sind sie eins der wichtigsten Aushängeschilder der einzigartigen Tierwelt des Pazifikstaates überhaupt.

Der Kiwi und die Kiwi-Frucht

Gerade die Ureinwohner haben eine starke kulturelle und spirituelle Verbindung zu dem nachtaktiven Vogel. So verwenden die Maori seine fluffigen Federn zum Weben des «Kahu kiwi» (Kiwi-Federumhang) für hochrangige Persönlichkeiten. Der Vogel ist aber der Liebling des ganzen Volkes, das sich selbst nach ihm benannt hat: Kiwi, das Wort ist längst das Synonym für die Neuseeländer.

Das Rugby-Nationalteam heißt mit Spitznamen «Kiwis», es gibt eine Kiwibank, und die staatliche Rentenkasse nennt sich KiwiSaver. Was viele nicht wissen: Sogar die Kiwi-Frucht ist nach dem Federtier benannt. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Obstsorte in Neuseeland zum ersten Mal außerhalb Asiens großflächig angebaut.

Ursprünglich als «Chinesische Stachelbeere» bekannt, wurde die Frucht 1959 erstmals von einer Exportfirma unter der Bezeichnung Kiwi vermarktet - ein Name, der sich weltweit durchgesetzt hat. Die Händler hatten wohl Ähnlichkeiten ausgemacht: «Die Frucht und der Vogel haben viel gemeinsam - beide sind klein, braun und pelzig», schreibt der Marktführer Zespri Kiwifruit auf seiner Webseite.

Bedrohte Art

Es gibt fünf Arten von Schnepfenstraußen, wie die Vögel auch heißen. Aber die Nationalikone ist in Gefahr. Das Department of Conservation geht von weniger als 70.000 Exemplaren aus und warnt: «Wir verlieren jedes Jahr zwei Prozent unserer nicht geschützten Kiwis - das sind etwa 20 pro Woche.» Zum Vergleich: Bevor Menschen Neuseeland besiedelten, sollen Forschungen zufolge zwölf Millionen Kiwis den Inselstaat bevölkert haben.

Vor allem der Verlust des Lebensraums durch großflächige Rodungen sowie eingeschleppte Raubtiere wie Katzen und Marder machen den Vögeln zu schaffen. Bis 2030 soll ihre Zahl nach Plänen der Behörde möglichst wieder auf mindestens 100.000 steigen.

Dabei hilft die Organisation Save the Kiwi: Mitarbeiter sammeln Eier in der Wildnis, um sie gefahrenfrei auszubrüten. Die jungen Kiwis werden zunächst in Gefangenschaft aufgezogen und dann an raubtierfreien Standorten ausgewildert. Neue Schutzgebiete sind ein wichtiger Teil des Vorhabens.

Gut zu wissen

Kiwis seien «unglaublich einzigartige Lebewesen» mit Eigenschaften, die eher Säugetieren ähnelten, sagt die Geschäftsführerin der Organisation, Michelle Impey. «Der Kiwi ist der einzige Vogel mit äußeren Nasenlöchern am Ende seines langen Schnabels.» Das habe aber auch Nachteile: «Kiwis hört man oft laut schniefen und schnauben, um Schmutz aus ihren Nasenöffnungen zu entfernen.»

Bei der Nahrungssuche stoße der Vogel mit dem Schnabel immer wieder auf den Boden, um Vibrationen von Beute unter der Erde aufzunehmen, «fast wie mit einem Spazierstock», erzählt die Expertin. Zwar könne er nicht besonders gut sehen, dafür seien aber die Teile seines Gehirns, die für das Riechen und Tasten verantwortlich sind, geradezu riesig.

Die Besonderheiten gehen noch weiter: Die muskulösen Beine der Kiwis sind sehr schwer und - wie bei Säugetieren - mit Knochenmark gefüllt. Die meisten anderen Vögel haben leichte Skelette, die das Fliegen begünstigen. «Die Federn sind zottelig und haarartig, und der Kiwi hat katzenartige Schnurrhaare im Gesicht - alles ganz anders als bei normalen Vögeln», sagt Impey.

Wenn er ruft, dann klingt es, als würde ein Schwein grunzen. Seine Eier sind riesig, und wenn ein Küken schlüpft, entpuppt es sich als voll gefiederter Vogel, der in der Lage ist, sich selbst zu ernähren. Das alles macht den Kiwi zu einem Außenseiter - ganz so, wie sich viele Neuseeländer auf ihrer Insel am Ende der Welt selbst sehen.

Viel Schutzbedarf

Die Illustratorin Kat Quin hat die kuriosen Tiere zu den Helden einer ganzen Kinderbuchreihe gemacht: Kuwi the kiwi. Die Protagonistin ist ein Muttertier, das sich allein um den Nachwuchs kümmern muss. Einen Teil des Verkaufserlöses spendet Quin an Save the Kiwi. 60.000 Neuseeländische Dollar (34.000 Euro) sind schon zusammengekommen.

Bei ihren Recherchen ist die Autorin den Tieren sehr nahe gekommen, was nur wenigen gelingt. «Ich war überrascht, wie sehr sie stinken», sagt Quin. «Sie riechen wirklich muffig. Das macht sie zu einem Ziel für Raubtiere, die sie leicht aufspüren können.»

Und es gibt noch eine Gefahr: Kiwis verfügen nicht wie flugfähige Vögel über stabile Knochen am Brustkorb. Selbst der sanfte Schubs eines neugierigen Hundes kann zu inneren Verletzungen oder gar zum Tod führen.

Deshalb gab es in Neuseeland auch empörte Reaktionen, als bekannt wurde, dass der Zoo von Miami hautnahe Begegnungen mit einem Kiwi namens Paora anbot. Besucher durften das Tier gegen Bezahlung bei hellem Licht streicheln und Selfies mit ihm machen - sehr unangenehm für einen nachtaktiven Vogel.

Wütende Neuseeländer starteten eine Online-Petition unter dem Titel «Rettet diesen misshandelten Kiwi». Darin hieß es: «Er wurde gezähmt und ist vier Tage die Woche hellem Neonlicht ausgesetzt, er wird von Dutzenden Fremden angefasst, an seinen empfindlichen Schnurrhaaren gestreichelt, ausgelacht und wie ein Spielzeug zur Schau gestellt.» Kiwis seien «kostbare Schätze, nicht Amerikas Spielzeug». Der Zoo entschuldigte sich und nahm die Kiwi-Begegnungen aus dem Programm.


Bildnachweis: © Belle Gwilliam/Department of Conservation/dpa
Copyright 2023, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

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