10. November 2022 / Aus aller Welt

«Wie in Videospiel»: 21-Jähriger gesteht Armbrust-Schüsse

Bei der Gewalttat mit einer Armbrust an einem Gymnasium im Mai wurde eine Person lebensgefährlich verletzt. Nun muss sich ein ehemaliger Schüler wegen versuchten Mordes verantworten. Was trieb ihn an?

Der 21-jährige Angeklagte sitzt vor Prozessbeginn im Gerichtssaal im Landgericht Bremen.
von dpa

Im Prozess um die Schüsse aus einer Armbrust an einem Bremerhavener Gymnasium im Mai hat der angeklagte ehemalige Schüler die Gewalttat weitgehend eingeräumt. «Es war für mich wie in einem Film, wie in einem Videospiel», hieß es in einer von einem Verteidiger am Donnerstag vor dem Landgericht Bremen vorgetragenen Erklärung des 21-jährigen. Er sei bei der Tat wie «in einem Tunnel» gewesen. Über seinen Anwalt entschuldigte er sich für die Tat.

Schwerbewaffnet und mit «Kampfklamotten» habe er in der Schule ein Bedrohungsszenario aufbauen wollen - auch um eine ehemalige Lehrerin zu erschrecken, die er für sein schulisches Versagen verantwortlich gemacht habe. Nach ihr hatte er explizit gefragt, als er das Gebäude betrat. Ziel sei ein «Suicide by cop» gewesen, also ein Todesschuss aus der Waffe eines Polizisten, hieß es in der Erklärung. Zum Zeitpunkt der Tat habe er unter sozialer Phobie und Depressionen gelitten.

Keine Tötungsabsicht

Jemanden zu verletzen oder gar zu töten, sei nicht seine Absicht gewesen. «Es war kein Amoklauf», hieß es in der Stellungnahme. Warum er dennoch mit der Armbrust erst einen Schuss auf die Schulsekretärin abfeuerte und schließlich noch einen zweiten, als diese fliehen wollte, könne er sich nicht erklären. Vor der Tat soll er zu der Frau gesagt haben: «Sie waren damals auch immer frech zu mir.» Das Opfer wurde lebensgefährlich verletzt und überlebte nur durch eine Notoperation. Sichtlich bewegt verfolgte die Frau am ersten Tag als Nebenklägerin die Verhandlung.

Der Mann, der laut Anklage Deutsch-Türke ist, ist wegen versuchten Mordes aus niedrigen Beweggründen und Heimtücke angeklagt. Bei der Tat soll seine Schuldfähigkeit erheblich vermindert gewesen sein. Der Angeklagte hatte bei dem Angriff mehrere Waffen bei sich: eine mit Stahlbolzen geladene Profiarmbrust, eine geladene Schreckschusspistole, eine Machete und ein Messer.

Nach den Schüssen auf die Sekretärin wurde ein Notfallplan der Schule ausgelöst, weil das Gerücht nach einem zweiten Täter im Gebäude aufkam. Die Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte schlossen sich in ihren Klassenzimmern ein. Dort harrten sie rund vier Stunden aus, bis die Polizei Entwarnung gab.

Widerstandslose Festnahme

Kurz nach der Tat in der Schule soll der Angeklagte an einer Straßenkreuzung mit der Armbrust zweimal auf einen Passanten gefeuert haben. Die Schüsse verfehlten dieses Opfer knapp. Der Tatverdächtige ließ sich kurze Zeit später widerstandslos von der Polizei festnehmen. Inzwischen befindet sich der junge Mann in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung.

Er sei immer tiefer in ein Loch gefallen, nachdem er nicht zum Abitur zugelassen worden sei, ließ er über die Stellungnahme erklären. Bis zu zwölf Stunden am Tag habe er Videospiele gespielt: «Ich habe mich in virtuelle Welten geflüchtet.»

Am ersten Prozesstag sagte die Lehrerin als Zeugin aus, die er für sein Schulversagen verantwortlich machte. Dass er zunächst nach ihr gefragt und dann auf die Sekretärin geschossen habe, interpretiere sie so, dass er «versucht hat, mich umzubringen». Warum er ausgerechnet sie für seine Nichtzulassung zum Abitur verantwortlich mache, könne sie sich nicht erklären. Seit dem Tattag lebe sie sehr zurückgezogen, sagte sie vor Gericht. Der Prozess wird am 29. November fortgesetzt.


Bildnachweis: © Sina Schuldt/dpa
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