11. Februar 2023 / Aus aller Welt

Erdbebengebiet: Militärschutz für Hilfsteams

Das Erdbeben in der Türkei und Syrien liegt schon bald eine Woche zurück - und noch immer werden jeden Tag Hunderte weitere Leichen geborgen. Und Berichte gaben Anlass zu neuer Sorge.

Die Überreste einer Moschee, die bei dem Erdbeben in Antakya eingestürzt ist.
von dpa

Im Erdbebengebiet in der Türkei und Syrien bergen die Retter Hunderte neue Todesopfer, doch es werden vereinzelt Menschen noch lebend aus den Trümmern befreit. Am Samstag gab es einige solcher Wunder - fast eine Woche nach der Katastrophe. Zugleich wurde die Schwelle von 25.000 offiziell bestätigten Toten überschritten. Indes setzten erste Hilfsteams aus Angst vor möglichen Tumulten ihre Arbeit aus. Das Technische Hilfswerk (THW), die Hilfsorganisation I.S.A.R Germany und das österreichische Bundesheer verwiesen auf die Sicherheitslage. Berichten zufolge schlägt die Trauer mitunter in Wut um. In Berlin wurde der Erdbebenopfer gedacht.

Die Überlebenschancen schwinden immer mehr. Normalerweise kann ein Mensch höchstens 72 Stunden ohne Wasser auskommen. Hinzu kommen die kühlen Temperaturen. Den Rettern bereitet ein anderer Aspekt Bedenken: Ist die Sicherheit noch gewährleistet?

Trauer und Wut

«Es gibt zunehmend Aggressionen zwischen Gruppierungen in der Türkei. Es sollen Schüsse gefallen sein», sagte Oberstleutnant Pierre Kugelweis vom österreichischen Bundesheer der Nachrichtenagentur APA. Nach einer Unterbrechung setzten die Soldaten ihre Arbeit fort. Die türkische Armee habe den Schutz der Einheit übernommen. Viele Überlebende sind traumatisiert und trauern um Familienmitglieder.

I.S.A.R-Einsatzleiter Steven Bayer sagte: «Es ist festzustellen, dass die Trauer langsam der Wut weicht.» Tamara Schwarz, Sprecherin der THW-Zentrale in Bonn, sprach von «tumultartigen Szenen». Der Schutz der Ehrenamtlichen stehe jetzt im Vordergrund. Die Teams blieben aber weiter vor Ort. THW und I.S.A.R teilte weiter mit: «Grund dafür scheinen unter anderem die Verknappung von Lebensmitteln und die schwierige Wasserversorgung im Erdbebengebiet.»

Bislang sind im syrisch-türkischen Grenzgebiet mehr als 25.400 Menschen ums Leben gekommen. Allein in der Türkei starben mindestens 21 848, in Syrien mehr als 3553. Mehr als 85 000 Menschen wurden zudem in den beiden Ländern verletzt. Tausende weitere Todesopfer werden unter den eingestürzten Gebäuden befürchtet.

Bisher mehr als 2000 Nachbeben

Am frühen Montagmorgen hatte ein Beben der Stärke 7,7 das Grenzgebiet erschüttert, gefolgt von einem weiteren Beben der Stärke 7,6 am Mittag. Seither gab es bis Samstag mehr als 2000 Nachbeben in der Region, wie die türkische Katastrophenschutzbehörde Afad mitteilte. Nach Angaben des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan suchten inzwischen mehr als 1,5 Millionen in Zelten oder öffentlichen Notunterkünften oder Hotels Schutz.

Mit Unterstützung internationaler Hilfsteams werden seit Montag Schuttberge abgetragen. Spürhunde sind im Einsatz. Hoffnung gibt den Rettern, dass immer wieder noch Menschen lebend gefunden werden.

In der türkischen Stadt Kahramanmaras wurde ein neun Jahre alter Junge namens Ridban nach rund 120 Stunden in einem eingestürzten Haus gerettet, wie die israelische Armee mitteilte. Den Angaben zufolge ist er nach seinem Vater und seiner 14-jährigen Schwester das dritte Mitglied einer Familie, das von dem israelischen Team geborgen wurde. Seine Mutter sei dagegen tot aufgefunden worden.

In der Stadt Adiyaman wurde Ehepaar nach 129 Stunden befreit. Es muss aber wahrscheinlich den Tod seiner drei Töchter beklagen, wie der staatliche türkische Fernsehsender TRT World berichtete. In der Provinz Hatay wurde ein zwei Monate altes Baby nach 128 Stunden gerettet, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete. In sozialen Medien und in Fernsehberichten baten Menschen weiterhin um schnelle Hilfe und gaben an, noch Stimmen unter Trümmern gehört zu haben.

In der syrischen Stadt Aleppo haben die Suchteams zuletzt nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur keine Überlebenden mehr gefunden. Aus dem Gebiet dringen nach wie vor nur spärlich Informationen. «Wir bleiben über Nacht auf diesem Bürgersteig und zünden Feuerholz an», sagte Abdu al-Sus der dpa. Er hat aus Stoff ein improvisiertes Zelt für seine Frau und fünf Kinder gebaut. Auch etliche andere Familie übernachten bei eisigen Temperaturen auf der Straße oder in Autos im besonders betroffenen Osten der Stadt.

Freiwillige haben Zelte für Familien in Harem aufgebaut, die ihre Häuser verloren haben.

Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) muss die Hilfe deutlich ausgeweitet werden. «Wir müssen mit größerer Dringlichkeit und in größerem Umfang handeln und uns besser organisieren», sagte Richard Brennan, der WHO-Nothilfedirektor für die Region Östliches Mittelmeer am Samstag in Aleppo. Die Toten- und Verletztenzahlen seien immens, was aber oft vernachlässigt werde, seien die vielen Obdachlosen. Allein in Aleppo im von der Regierung kontrollierten Teil Nordwestsyriens haben nach ersten Schätzungen rund 200 000 Menschen das Dach über dem Kopf verloren.

Weltweit ist die Betroffenheit groß. In Deutschland haben die Clubs der Fußball-Bundesliga am Samstag mit einer Schweigeminute vor dem Anpfiff der Opfer gedacht. Etwa Bangladesch schickte humanitäre und medizinische Hilfe für die Erdbebenopfer in Syrien. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus traf zudem am Samstag in Syrien ein.

Luftbrücke von Berlin in die Türkei

Für den Transport von Hilfsgütern will Berlin nach Angaben der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey eine Luftbrücke einrichten. «Und es ist gelungen mit vielen, die gespendet haben, (...) dass wir eine Luftbrücke von Berlin in die Türkei bauen, auch in Zusammenarbeit mit der türkischen Botschaft, mit dem Generalkonsulat», sagte die SPD-Politikerin am Samstag bei einem Gedenken an die Erdbebenopfer am Brandenburger Tor.

Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) sprach sich erneut für rasche Einreise-Erleichterungen aus, damit Betroffene des Erdbebens zu Angehörigen nach Deutschland kommen können. Die Bundesregierung hatte eine «pragmatische Lösung» bei der Visa-Vergabe an Überlebende der Erdbebenkatastrophe in Aussicht gestellt.


Bildnachweis: © Hussein Malla/AP/dpa
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