17. August 2023 / Aus aller Welt

Selbst «schönes Wetter» ist jetzt kontrovers

Ende von scheinbaren Gewissheiten: Früher schien allen klar zu sein, was mit «schönem Wetter» gemeint ist. Doch 2023 ist gar nicht mehr so eindeutig, was eigentlich «gutes Wetter» ist. Was ist da los?

Sommer in den Bergen: Blumen blühen auf einer Wiese am Wank in Bayern, im Hintergrund sind die Gipfel des Wettersteins mit der Zugspitze zu sehen.
von Gregor Tholl, dpa

Sonnenschein ist gutes Wetter, Regen schlechtes. Solche Aussagen sind kein Konsens mehr. 30 Grad, wolkenlos, trocken: Das erschien lange als Inbegriff von «schönem Wetter». Doch spätestens in diesem Jahr, in dem ständig von Wetterextremen und den Folgen des Klimawandels berichtet wird, scheint das passé. Angesichts der Trockenheit hierzulande scheinen Leute in Gesprächen auch öfter zu erwähnen, dass sie sich jetzt über Regen freuen und gleichzeitig darüber wundern, dass sie das so anders empfinden als früher.

Neues Verhältnis zum Regen

«Eines ändert sich spürbar: Das Wetter ist kein unverfängliches Thema mehr, das sich beim Small Talk anbietet, wenn man nicht über Politik, Geld, Sex oder Fußball reden möchte», sagt der Historiker und Arzt Ronald D. Gerste, der das Buch «Wie das Wetter Geschichte macht: Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute» schrieb. Nach seiner Beobachtung sei es «besonders in Deutschland ideologisch aufgeladen» - und ein Politikum geworden.

Das positivere Verhältnis zum Regen ist laut Gerste, der in Washington lebt, tatsächlich ein neues Phänomen: «Was wir traditionell als "schlechtes Wetter" bezeichnen, war eigentlich noch nie, zumindest in unserem Kulturkreis, besonders beliebt.»

Doch es scheint zu gelten: neue Situation, angepasste Ansichten. «Hohe Temperaturen werden heute von vielen Menschen nicht mehr als "schön" wahrgenommen, sondern als unangenehm, gefährlich und als Menetekel.» Ob dies wirklich so empfunden werde oder ob das an der Dauerpräsenz des Themas Klimawandel liege, sei Interpretation.

«Man muss kein Klimawandelleugner sein, um daran zu erinnern, dass es auch früher schon sehr heiße Sommer und Hitzetote gab», sagt Gerste. «Und dabei rede ich nicht von vor ein paar Jahren, sondern von Epochen wie der sogenannten Mittelalterlichen Wärmeperiode vom etwa 10. bis 14. Jahrhundert.» Er betont jedoch: «Die geografisch uneinheitliche Warmzeit damals ist keineswegs mit den weltweit stetig steigenden Temperaturen im frühen 21. Jahrhundert zu vergleichen.»

Wohlfühltemperaturen

In der früheren Agrargesellschaft sei «schönes Wetter» weniger von der eigenen Befindlichkeit oder gar klimapolitischen Erwägungen abhängig gewesen. «Schön» sei stets ein Wetter gewesen, «das eine üppige oder zumindest normale Ernährungslage ermöglichte - wenn also die Ernte wortwörtlich nicht verhagelt wurde». Und: «Die meisten kannten keinen Urlaub, gingen nie auf Reisen. Es sorgte sich also kaum jemand, ob es woanders zu warm, zu kalt oder zu regnerisch war. Denn man war ja nicht unterwegs, sondern ortsgebunden.»

In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sagten kürzlich 54 Prozent der Erwachsenen in Deutschland, dass sie sich «persönlich am wohlsten» fühlen bei einer Tagestemperatur in der Spanne «20 bis 24 Grad». 7 Prozent gaben sogar «unter 20 Grad» an. 30 Prozent fühlen sich demnach bei «25 bis 29 Grad» am wohlsten, 5 Prozent bei «30 bis 35 Grad». Nur jeder hundertste Erwachsene liebt es heißer als 35 Grad draußen. Der Rest machte keine Angabe.

«Zu viel Trockenheit ist nicht gut für die Natur, das hat sich in den letzten Jahren schon in unser Verständnis eingebaut», sagt der Gesundheitsmeteorologe Andreas Matzarakis. Beim Reden übers Wetter zähle die eigene Wahrnehmung oft weniger als es vielleicht noch vor ein paar Jahren der Fall war. «Da hat sich was verschoben. Viele denken heute öfter mal, etwa wenn es regnet, "Es ist vielleicht nicht so, wie ich es gerne habe, aber es ist für andere Sachen gut". Es gibt eher eine Akzeptanz, dass nach einer Hitzewelle kühlere Perioden nicht nur für den Menschen, sondern auch für die Natur besser sind.»

Es gibt keinen Konsens mehr

Die Wissenschaften untersuchten Dutzende Faktoren, die zur individuellen Wettereinschätzung und oft auch Wetterfühligkeit führten, sagt Matzarakis, Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Einen Konsens, was nun «schönes Wetter» oder «das neue gute Wetter» für alle sei, den werde es wohl nicht mehr geben.

«Gutes Wetter ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Erfahrung und Wahrnehmung spielen eine große Rolle.» Es gehe außerdem auch um Ernährung, Fitnesszustand, Krankheitsgeschichte, Erziehung, Stress, Hormonhaushalt, Umwelt, Schweißproduktion. «Ältere Menschen mögen oft höhere Temperaturen, weil ihr Stoffwechsel langsamer ist.»

Wenn ihn persönlich jemand nach seinem Lieblingswetter frage, erzählt Matzarakis, dann antworte er stets: «Das ideale Wetter, auch für die Gesundheit, ist für mich: bewölkt, zwischen 18 und 24 Grad, leichter Wind. Und ab und zu noch ein bisschen Regen für die Natur dazu. Aber nicht so, dass es stürmt, sondern so ein Landregen - also ein nicht zu heftiger, länger anhaltender Dauerregen.»


Bildnachweis: © picture alliance / Sven Hoppe/dpa
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