10. Mai 2026 / Aus aller Welt

Kann sich das Virus vom Kreuzfahrtschiff weiter ausbreiten?

Passagiere des Kreuzfahrtschiffs «Hondius» kehren nach Deutschland und andere Länder zurück. Ist eine Verbreitung des auf dem Schiff aufgetretenen Hantavirus-Typs zu befürchten? Experten entwarnen.

Ein Passagier auf dem vom Hantavirus betroffenen Kreuzfahrtschiff bedient sich während der Fahrt nach Teneriffa mit Wasser.
Veröffentlicht am 10. Mai 2026 um 04:00 Uhr von Simone Humml, dpa

Die Passagiere des Kreuzfahrtschiffs «Hondius» sollen von Teneriffa aus in ihre Heimatländer geflogen werden. Wie gefährlich ist der auf dem Schiff aufgetretene Typ des Hantavirus und was ist nun zu beachten?

Was ist das Besondere am Andesvirus?

Die verschiedenen Typen von Hantaviren in Deutschland werden meist durch Staub übertragen, der mit Ausscheidungen von Nagetieren kontaminiert ist. Ein großer Teil der Infektionen verläuft laut Robert Koch-Institut (RKI) symptomlos oder mit unspezifischen Symptomen. Die Viren können aber auch mit Blutungen einhergehendes Fieber und Nierenschäden auslösen. Bei dem am häufigsten auftretenden Virustyp in Deutschland sterben laut RKI deutlich unter 0,1 Prozent der Erkrankten, bei einer selteneren Variante seien es 0,3 bis 0,9 Prozent. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung gebe es bei diesen Virentypen nicht.

Die Zahl der bundesweit übermittelten Hantavirus-Erkrankungen variiert laut RKI von Jahr zu Jahr sehr stark. Die durchschnittliche jährliche Zahl der Neuerkrankungen lag demnach zwischen 2010 und 2019 bei 1,3 Fällen pro 100.000 Einwohner.

Auf dem Kreuzfahrtschiff «Hondius» ist ein anderer Hantavirus-Typ aufgetreten: das südamerikanische Andesvirus. «Es ist das einzige Hantavirus, bei dem begrenzte Mensch-zu-Mensch-Übertragungen überzeugend beschrieben wurden», sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. Dabei scheint enger und längerer Kontakt zu Erkrankten entscheidend zu sein, «insbesondere im häuslichen Umfeld, bei Paaren, Familienangehörigen oder bei pflegerischer beziehungsweise medizinischer Versorgung».

«Das Hantavirus ist primär eine Umweltinfektion, und selbst in seltenen Fällen der Übertragung von Mensch zu Mensch verhält es sich nicht wie ein hoch ansteckendes Atemwegsvirus», betonte Scott Weaver von der University of Texas Medical Branch (USA). Das Andesvirus gehört zu einer Gruppe von Hantaviren, deren Infektion etwa zu Übelkeit, Erbrechen, Husten, einer Lungenerkrankung und zum Tod führen kann.

Nach RKI-Angaben gibt es weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine spezifische Therapie gegen Hantaviren. Es können aber Symptome behandelt werden.

Wie hoch ist die Gefahr einer Ausbreitung in Europa?

Selbst wenn es zu einer Übertragung des Andesvirus durch Passagiere käme, die vom Schiff evakuiert wurden, sei das Virus nicht leicht weiter übertragbar, «sodass es unwahrscheinlich ist, dass es zu vielen Infektionsfällen oder einem großflächigen Ausbruch in der Bevölkerung käme», berichtete auch die EU-Gesundheitsbehörde ECDC. Das Risiko für die Allgemeinbevölkerung in der EU durch eine Ausbreitung des Andesvirus infolge des Ausbruchs auf dem Kreuzfahrtschiff «ist sehr gering».

Hinzu kommt: Das natürliche Reservoir der Andesviren, die Reisratte Oligoryzomys longicaudatus, sei in Europa nicht vorhanden. «Deshalb ist nicht davon auszugehen, dass das Virus in die Nagetierpopulation eingeschleppt wird und es in Europa zu einer Übertragung von Nagetieren auf Menschen kommt», sagte ECDC-Experte Thomas Hofmann.

«Die Kombination aus Isolation, Kontaktverfolgung und medizinischer Überwachung dürfte das Geschehen vergleichsweise gut kontrollierbar machen», sagte Mikrobiologe Roman Wölfel von der Universität der Bundeswehr in München. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums befindet sich an Bord des Schiffs eine mittlere einstellige Zahl von Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit.

Was ist zu tun?

Um mögliche Übertragungen von Mensch zu Mensch zu vermeiden, empfiehlt die EU-Gesundheitsbehörde Kontroll- und Vorbeugungsmaßnahmen: Menschen mit möglichen Symptomen sollten sich Blut- oder PCR-Tests unterziehen. «Negative Testergebnisse können aber eine Infektion und anschließende Virusausscheidung nicht ausschließen», sagte ECDC-Experte Hofmann.

Auch der reine Blick auf die Inkubationszeit reiche nicht aus: Diese beträgt laut ECDC in der Regel zwei Wochen, könne aber zwischen sieben Tagen und sechs Wochen schwanken. Deshalb gelte es auch nach Wochen noch, wachsam zu bleiben, so Hofmann - und sich nicht an einem reinen Zeitraum zu orientieren, sondern etwa auch an Symptomen und Testergebnissen.

Das RKI schreibt in einer Handreichung für deutsche Gesundheitsbehörden, die Passagiere sollten für sechs Wochen nach einer letzten möglichen Exposition in Quarantäne bleiben. In der Unterkunft sollten sie mindestens einen eigenen Raum haben und ein eigenes Bad nutzen. Sie sollten auf Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Muskel- und Gliederschmerzen sowie andere Symptome achten und in diesem Fall ihr Gesundheitsamt informieren.

Wie groß ist das Risiko, dass sich weitere Menschen auf dem Schiff infiziert haben?

Spaniens Gesundheitsministerin Mónica García sagte am Samstag, derzeit zeige niemand auf der «Hondius» Symptome. Es sei dennoch durchaus möglich, dass sich weitere Menschen auf dem Schiff infiziert haben, sagte Schmidt-Chanasit. «Hantavirus-Erkrankungen haben eine Inkubationszeit, die je nach Virus und Exposition mehrere Tage bis Wochen betragen kann. Deshalb können weitere Fälle auch zeitverzögert auftreten.»

Der Virologe sieht zwei Szenarien der Infektionsquelle: Erstens könnten sich eine oder mehrere Personen bereits in Argentinien oder im südamerikanischen Expositionsgebiet infiziert und das Virus an Bord gebracht haben. Zweitens sei auch eine Infektion durch Nagetiere an Bord oder durch kontaminierte Lebensmittel, Lagerbereiche, Kabinen, Oberflächen oder Staub denkbar – «etwa wenn Mäuse oder Ratten das Schiff beziehungsweise Vorratsbereiche besiedelt haben». 

«Dies ist eine ernste Lage, aber die WHO betrachtet das Risiko für die öffentliche Gesundheit als gering», sagte auch WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. «Dies ist nicht der Beginn einer Pandemie», betonte die amtierende Nothilfekoordinatorin, Maria van Kerkhove. Ein Vergleich mit dem Start der Corona-Pandemie vor sechs Jahren sei nicht angebracht.


Bildnachweis: © -/AP/dpa
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