22. Mai 2024 / Aus aller Welt

Lampen aus Kürbissen: Die Künstlerin und ihr Gemüse

Hand aufs Herz - wer kennt Kalebassen? Sind das alte Schiffsgeschütze? Nein, es geht hier um Flaschenkürbisse. Gemüse, keine Kanonen. Eine Künstlerin macht Erstaunliches daraus.

Virginia Lauterbach präsentiert eine ihrer handgefertigten Kürbislampen in der Kalebassenmanufaktur in Bückeburg.
von Thomas Strünkelnberg (Text) und Julian Stratenschulte (Fotos), dpa

Wer hat nicht einmal versucht, sich das Hexenhäuschen aus dem Märchen vorzustellen? Das freundliche gelbe Haus im niedersächsischen Bückeburg hat zwar wenig davon, aber der Garten kann einen schon nachdenklich machen. In langen Reihen hängen Flaschenkürbisse zum Trocknen, an Spalieren, unter dem Dachüberstand - in allen Größen, Formen und Farben.

Der erste Eindruck: eine Hexenwerkstatt? Werkstatt stimmt schon mal, auch die gibt es; dort arbeitet Virginia Lauterbach an getrockneten und ausgehöhlten Kalebassen - und macht Lampen aus ihnen. Die 46-Jährige hat ein besonderes Verhältnis zu den Flaschenkürbissen: «Das sind Mädels für mich.»

Für die Lampenkünstlerin, selbstständig, sind Kalebassen eine Herzensangelegenheit und Lebensinhalt - auch wenn sie damit keine Familie ernähren wollen würde. «Ich bin sehr kreativ geworden und fühle mich als Künstlerin», sagt sie. Mit kleinen Bohrern bearbeitet sie die getrockneten Kürbisse, die hart sind wie Holz. Aus vielen kleinen Löchern entstehen Muster und Bilder, oft Tiere, gerne Katzen - denn: «Katzen gehen immer.»

Malen mit Licht

Fällt Licht durch die Löcher in der harten Schale der Kalebassen, erscheinen die Muster und Bilder an der Wand: «Wo andere malen, bohre ich und werfe Muster an die Wand. Man kann ganz viel machen, aber meine Passion ist das Bohren.» Was zunächst seltsam klingt, ergibt sofort Sinn, wenn man die Lampen sieht, ihr warmes und stimmungsvolles Licht. «Die leuchten keinen Arbeitsbereich aus, sondern erzeugen Stimmung», betont die 46-Jährige. Und sprechen für sich.

Aber der Reihe nach: Angefangen habe alles damit, dass sie sich selbst mit Obst und Gemüse versorgen wollte, erzählt Lauterbach. Dann habe sie erstmals Kalebassen gesehen und sich gedacht: als Vogelhäuschen oder Nisthöhle für Hörnchen nicht schlecht. Die Kürbisse seien nicht giftig, aber auch nicht gerade eine Delikatesse: «Auf meinem Speiseplan stehen sie nicht.» Der erste Versuch schien zu scheitern, die Kürbisse sahen beim Trocknen verschimmelt aus und kamen auf den Kompost, wie sie sich erinnert. Aber im nächsten Frühjahr waren sie hart wie Holz. Da wusste sie: Es funktioniert. 2019 gründet sie ihre Kalebassenmanufaktur und fertigt bis zu 60 Lampen im Jahr.

Flaschenkürbisse auf 2500 Quadratmetern

Heute erntet sie auf einer Fläche von rund 2500 Quadratmetern im eigenen Garten jedes Jahr mehrere Hundert Flaschenkürbisse, 30 bis 40 Prozent schaffen es nicht und verschimmeln, der Rest wird an den Spalieren und überall dort, wo Platz ist, getrocknet. Auch müssen sich Hobbygärtner, die sich an Flaschenkürbissen versuchen, der langen Ranken erwehren, die alles zu überwuchern und den Rest des Gartens einzunehmen drohen, wie Lauterbach rät.

Sind die Früchte getrocknet, ist zunächst ihr Mann an der Reihe. Klaus-Peter Lauterbach (61), eigentlich Polizeibeamter, reinigt die Kürbisse mit Stahlwolle und Wasser von außen, dann bohrt er die Früchte auf und holt die Reste des getrockneten Fruchtfleisches heraus, sodass nur die harte, verholzte Schale übrig bleibt - «am besten bei Tageslicht», meint er. Die künstlerische Arbeit überlässt er lieber seiner Frau: «Wobei ich so filigrane Hände habe», sagt er selbstironisch.

Vorlage ist am schwersten

Für den filigranen Teil hat die 46-Jährige in ihrer Werkstatt zahllose Bohrer und kleine Bohrmaschinen. Gebohrt wird mit hoher Drehzahl, weil das Material aber hart wie Eiche ist, muss sie aufpassen - und rechtzeitig den Bohrer wechseln, wenn es zu heiß wird. Manche Werkzeuge brauche sie nur einmal im Jahr, Bohrer aber täglich.

Gerade arbeitet sie an einer Afrika-Lampe mit Tiermotiven und Schattenwurf - gleichsam ein Sonnenuntergang in der Savanne. Teils werden die Tiere schwarz oder rot angemalt, manchmal setzt sie bunte Perlen ein. Auch Schwertwal-Motive habe sie schon gebohrt - oder Kiwis. Schwer sei es vor allem, eine Vorlage so zu entwickeln, dass das aus der bauchigen Lampe strahlende Licht an der Wand ein realistisches Abbild des Motivs ergebe.

Kürbisse in der Landwirtschaft im Trend

Bemerkenswert: In der Landwirtschaft spielt der Flaschenkürbis wohl keine Rolle. Zumindest hierzulande. Ganz anders ist das in Asien, vor allem in Indien. Nach Angaben des niedersächsischen Landvolks ist unklar, ob Flaschenkürbisse in größerem Stil angebaut werden - auch die Experten des Deutschen Bauernverbandes können das nicht einschätzen. Kürbisse an sich seien aber im Trend, sagt eine Sprecherin des Landvolks. Im vergangenen Jahr seien allein in Niedersachsen Speisekürbisse auf einer Fläche von 493 Hektar angebaut worden - 3,8 Prozent mehr als 2022. Ob darunter auch Deko- oder Halloween-Kürbisse waren: unklar. Die Übergänge sind nach Angaben der Landwirtschaftskammer aber wohl «fließend».

Alles kein Problem für Lauterbach, sie baut die Pflanzen selbst an und ist daher nur auf die eigene Ernte angewiesen. Dafür fängt sie jährlich bis zu 20.000 Liter Regenwasser auf. Doch selbst wenn die Ernte mal schlecht ausfallen sollte: «Meine Vorräte sind gut gefüllt.» Sie verkauft die Lampen bundesweit, sogar schon mal nach Australien und Kanada. Bei Tagen der offenen Tür am 3. und 4. Oktober will sie ihre Werke zeigen.

Wem das nicht reicht, wer es partout selbst ausprobieren möchte, aus einer Kalebasse eine Lampe zu bauen, für den gibt es sogar ein Do-it-yourself-Komplettset - vom Rohling bis zum Bohrer.


Bildnachweis: © Julian Stratenschulte/dpa
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