7. Februar 2023 / Aus aller Welt

Falscher Notruf: Wenn das Einsatzkommando ins Haus kommt

Ein vorgetäuschter Alarm, der einen Großeinsatz der Polizei auslöst - ein solch schlechter Streich kann nicht nur zu Strafen, sondern auch zu echten Gefahren führen.

Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Polizei agieren in einem Wohngebiet im hessischen Viernheim.
von Jenny Tobien, dpa

Plötzlich rückte das Überfallkommando der Polizei in einer Frankfurter Moschee an. Ein oder mehrere Unbekannte hatten über eine Notruf-App wegen eines vermeintlichen Amoklaufs Alarm geschlagen. Von Verletzten sei die Rede gewesen - und dass sich noch mehrere Menschen in der Gewalt des Täters befänden, erklärte die Polizei. Die Einsatzkräfte waren daraufhin mit einem Großaufgebot vor Ort. Doch von einer Gefahrenlage keine Spur. Stattdessen hatten sich an jenem Freitag im Januar unter anderem Kinder in der Abu-Bakr-Moschee aufgehalten.

«Grundsätzlich wird bei jedem Alarm so vorgegangen, als ob es sich um eine echte Notlage handelt», sagt ein Polizeisprecher. Bei der Lage habe aufgrund der Meldung der ernstzunehmende Verdacht bestanden, dass es sich um eine bewaffnete Gewalttat handeln könnte. Für manche Kinder sei der Einsatz des bewaffneten Kommandos eine traumatisierende Erfahrung gewesen, so Mohammed Seddadi, Vorsitzender der Moschee im Stadtteil Hausen. Aber er sei andererseits dankbar, dass die Polizei so schnell gekommen ist.

Wer steckt dahinter?

Wer den falschen Alarm ausgelöst hat, war zunächst völlig unklar. «Die Ermittlungen dazu laufen. Strafanzeigen wegen des Missbrauchs von Notrufen und dem Vortäuschen einer Straftat wurden gefertigt», heißt es bei der Frankfurter Polizei. Die Motivlage sei unklar und es werde in alle Richtungen ermittelt.

Im Zusammenhang mit vorgetäuschten Notrufen macht immer wieder der Begriff «Swatting» die Runde. In der Online-Gaming-Szene sind derartige «Streiche» nichts Unbekanntes. Dabei setzt jemand einen falschen Alarm ab, damit das Haus eines anderen von der Polizei oder auch von Feuerwehr und Rettungskräften gestürmt werden - am besten dann, wenn das Opfer noch live vor seiner Webcam sitzt.

Der Begriff kommt von SWAT, der US-amerikanischen Spezialeinheit «Special Weapons and Tactics». In den USA ist «Swatting» besonders verbreitet. Im Bundesstaat Kansas hatte es 2017 gar einen Fall gegeben, bei dem im Zuge des Einsatzes ein unschuldiger 27-Jähriger von einem Polizisten erschossen worden war. Bei einem Notruf war eine Geiselnahme vorgetäuscht worden. Die dadurch an den vermeintlichen Ort des Verbrechens gelockte Polizei erschoss daraufhin einen unschuldigen Familienvater, den sie für den Geiselnehmer hielt.

172 Fälle allein in Frankfurt

Und wie sieht es hierzulande aus? Haben solche Fälle in den letzten Jahren zugenommen? «Der Phänomenbereich "Swatting" als solches wird polizeilich nicht erfasst», heißt es bei der Frankfurter Polizei. Jedoch ereigneten sich im Jahr 2021 in der Mainmetropole 172 Fälle im Bereich Missbrauch von Notrufen. Dieses Phänomen sei aktuell tendenziell steigend, sagt ein Polizeisprecher. Hessenweit gab es 2021 laut Kriminalstatistik 515 Fälle.

Vor einigen Jahren sorgte ein Prozess in Bayern für Schlagzeilen, bei dem es auch um «Swatting» ging. 2015 standen plötzlich mehr als 100 Feuerwehrleute vor dem Haus eines Youtubers in Mittelfranken. Der User mit dem Namen «Drachenlord» war live auf Youtube, als es an der Tür klingelte. Sein Fall landete als erster dieser Art in Deutschland vor Gericht. Der Angeklagte wurde zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt, unter anderem auch wegen des Missbrauchs von Notrufen.

Und im vergangenen Herbst war in Potsdam (Brandenburg) ein größerer Einsatz ausgelöst worden. Ein Unbekannter hatte bei mehreren Polizeiwachen angerufen und behauptet, eine bewusstlose Person mit einem Messer im Rücken liege in seiner Wohnung. Die Kräfte rückten aus, auch ein Notarzt machte sich auf den Weg. Vor Ort trafen die Retter auf einen Mann, der laut Polizei sichtlich irritiert über das «konsequente Einschreiten» gewesen sein soll. Es stellte sich heraus, dass die Einsatzkräfte reingelegt worden waren.

Gefährlicher Missbrauch

Der absichtliche Missbrauch von Notrufen «ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat», heißt es beim Landeskriminalamt in Wiesbaden. Dieser wird mit bis zu einem Jahr Haft oder einer Geldstrafe verurteilt. Gefährlich ist zudem, dass die Kräfte während des Einsatzes nicht für «echte Notfälle» verfügbar sind.

Wie genau gehen die mutmaßlichen Täter vor? Zur Verschleierung würden manche beim Anruf in den Einsatzzentralen die sogenannte Call-ID-Spoofing-Technik oder Daten dritter Personen missbräuchlich nutzen, heißt es beim LKA. Diese Technik beschreibe das Manipulieren einer Telefonnummer, sodass bei Anrufen eine falsche Rufnummer angezeigt und die Identität des wahren Anrufers verschleiert wird.

Aber auch Notruf-Apps für das Smartphone werden demnach eingesetzt. «So wurde beispielsweise die Nora-App in verschiedenen Bundesländern dazu genutzt, Großeinsätze von Polizei- und Rettungskräften auszulösen», heißt es. Auch bei dem aktuellen Fall im der Frankfurter Moschee wurde nach Angaben der Ermittler diese App verwendet.

Zwei Tage nach dem Vorfall in dem Gotteshaus war übrigens Frankfurts Polizeipräsident Stefan Müller höchstpersönlich in die muslimische Gemeinde gekommen, um den Einsatz zu erklären. «Die Gespräche waren sehr positiv», so der Moschee-Vorsitzende Seddadi.


Bildnachweis: © Boris Roessler/dpa
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